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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wetter bald ohne Frosch? Erwärmung trocknet Lebensräume aus


Newsbot
11.09.2006, 19:14
Welchen Umfang die derzeitige Klimaerwärmung noch erreichen wird, darüber gehen auch bei den Klimatologen die Meinungen um einige Grad Celsius pro Jahrhundert auseinander. Doch Ökologen befürchten schon bei bescheidenen Änderungen negative Auswirkungen auf die heute in Europa lebenden Echsen und Amphibien.

Der Grasfrosch ist eigentlich genügsam. Zum Laichen reicht ihm ein simpler Tümpel, häufig gar Gartenteich, er liebt Wiesen und lichtdurchflutete Wälder. In lebensbedrohende Schwierigkeiten kommt er aber wie viele andere Amphibien, wenn die Temperaturen unter vier Grad Minus sinken. Ihm und seinen frostempfindlichen Artgenossen könnte das Überleben in Zukunft deutlich schwerer fallen, wenn eintritt, was Wissenschaftler jetzt im Rahmen des vom Umweltforschungszentrum (UFZ) Leipzig-Halle koordinierten EU-Großprojektes »Alarm« herausfanden. Falls sich der von vielen Experten prognostizierte Klimawechsel wirklich einstellt, wird es einen massiven Rückgang von Amphibien- und Reptilienarten geben. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Studie des spanischen Biologen Dr. Miguel B. Araujo vom Naturwissenschaftlichen Nationalmuseum in Marid, die in der Online-Ausgabe des »Journal of Biogeography« erschienen ist.

Das internationale Forscherteam um Araujo modellierte die Verbreitung von 42 Amphibien- und 66 Reptilienarten in Europa für die nächsten 20 bis 50 Jahre unter vier unterschiedlichen Klimaszenarien. Ergebnis: Der Anstieg der Temperaturen ist für die wechselwarmen Tiere aller Wahrscheinlichkeit nach keine maßgebliche Bedrohung. Dagegen »könnte ein globales Abkühlungsszenario viel verheerender sein«.

Besonders betroffen von einem Temperaturanstieg wären der Studie zufolge allerdings Frösche, Eidechsen & Co. im Südwesten Europas, einem Hauptverbreitungsareal. Unter einer prognostizierten zunehmenden Trockenheit in dieser Region würden vor allem die feuchtigkeitsliebenden Amphibien leiden, vieler ihrer Laichgewässer austrocknen. Verstärkt wird dies noch, weil die beiden Tiergruppen nur beschränkte Möglichkeiten haben, neue Lebensräume zu erschließen. Viele endemische Arten wie der zu den Kröten zählende Messerfuß, der spanische Rippenmolch oder der Pyrenäen-Gebirgsmolch wären dadurch bedroht. In Frankreich, Portugal und Spanien leben fast zwei Drittel aller europäischen Amphibien- und Reptilienarten. Die Iberische Halbinsel war Zufluchtsort vieler Arten, als die Eiszeit zuletzt vor zehntausend Jahren Mittel- und Nordeuropa im Griff hatte. »Mit dem erwarteten Klimawechsel könnten diese Hotspots des Überlebens zu Hotspots des Aussterbens werden«, fürchtet nun Biologe Araujo.

Gravierender als bei Reptilien und Amphibien wird sich einer anderen Studie aus dem Alarm-Projekt zufolge der Klimawechsel jedoch in der Pflanzenwelt auswirken. Ein internationales Forscherteam um Wilfried Thuillier vom französischen »Centre d'Ecologie Fonctionnelle et Evolutive« in Montpellier kam nun zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte aller Pflanzenarten in Europa durch den Klimawandel bedroht sind. Vor allem in den mittleren und hohen Lagen der Gebirgsregionen könnte sich die Situation für die Pflanzen »dramatisch« entwickeln, wenn die Temperaturen in zunehmender Höhe ansteigen sollten. Der Grund: Die Gebirgspflanzen seien sehr spezialisiert und könnten sich deshalb nur schlecht an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Besonders betroffen von einem Temperaturanstieg sind Pflanzenarten in den Alpen, den Pyrenäen und in großen Teilen der Gebirge im Mittelmeerraum und in Osteuropa. Lebensräume von seltenen alpinen Arten wie der Gletscher-Hahnenfuß - die in Europa am höchsten steigende Pflanze - würden damit verloren gehen.

»Die Spezialisten unterliegen den konkurrenzstärkeren Arten«, sagt Ingolf Kühn. Der Botaniker erforscht am UFZ Halle die Folgen der Klimaänderung. Welche Auswirkungen ein Klimawandel auf die Flora hierzulande hat, ist noch nicht exakt bekannt. Derzeit läuft am UFZ jedoch ein vom Bundesamt für Naturschutz gefördertes Projekt, das Ende des Jahres dazu erste Ergebnisse veröffentlichen will. Allerdings zeichnet sich schon jetzt nach Aussage von Kühn ab, dass neben der Gebirgsflora wahrscheinlich auch Pflanzenarten der Hochmoore durch die Trockenheit stark gefährdet sind.

http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=96447&IDC=9


Von Benjamin Haerdle