Newsbot
11.09.2006, 19:12
DNR Deutschland-Rundbrief Ausgabe 09.06 | Gentechnik
Agro-Gentechnik durch die Hintertür
Nachwachsende Rohstoffe sollen Genpflanzen hoffähig machen
Nachwachsende Rohstoffe genießen ein positives Image in der Bevölkerung. Für die Industrie könnten sie genau deshalb der Schlüssel zum großflächigen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen werden. Transparenz besteht nicht, denn gentechnisch veränderte Pflanzen zur Erzeugung von Energie und anderen Rohstoffen müssen nicht gekennzeichnet werden.
von Gerald Wehde, Bioland
Der Bauer als Ölscheich: Nachwachsende Rohstoffe gelten als die Zukunftsperspektive der Landwirtschaft schlechthin. Sie versprechen nicht nur ein lukratives Zusatzeinkommen, sondern ersetzen fossile Brennstoffe und verringern den Treibhauseffekt. Eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstituts Produkt+Markt bestätigt dies. So sehen 64 Prozent der Befragten erneuerbare Energien und Biokraftstoffe als "zukunftsweisenden Weg", um Deutschland vom Erdölimport unabhängiger zu machen. Nur 17 Prozent bewerteten dieses neue Standbein der Landwirtschaft kritisch. Im vergangenen Jahr wurden bereits auf etwa 1,4 Millionen Hektar Energiepflanzen angebaut, das entspricht rund elf Prozent der deutschen Ackerfläche. Davon entfielen 800.000 Hektar - also mehr als die Hälfte - auf Raps.
Papier aus Genkartoffeln
Angesichts dieser Euphorie steht zu befürchten, dass der boomende Anbau nachwachsender Rohstoffe zum Einfallstor für gentechnisch veränderte Pflanzen wird. Denn wenn transgene Sorten großflächig Einzug auf deutsche Äcker halten können, so das Kalkül der Gentechnik-Konzerne, dann vermutlich nicht als Lebens- oder Futtermittel, sondern viel eher als nachwachsende Rohstoffe. So propagieren Monsanto & Co. nicht nur gentechnisch veränderte Energiepflanzen, sondern auch Kartoffeln mit verändertem Stärkehaushalt für die Papierherstellung oder Holz mit reduziertem Ligningehalt für die Zellstoffproduktion. Und schließlich Pharmapflanzen, die Medikamente bilden. Alle sollen der Agro-Gentechnik zu dem verhelfen, was ihr bisher fehlt: zu Akzeptanz bei Landwirten und Verbrauchern.
Bauernverband und Politiker werben
Aus Sicht der Agro-Industrie sind die Voraussetzungen dafür vergleichsweise gut. Nachwachsende Rohstoffe sind nicht zum Verzehr bestimmt, Verbraucher kommen mit ihnen nicht direkt in Berührung und sie müssen nicht als "Gentech-Rohstoffe" gekennzeichnet werden. Unterstützt wird diese Strategie vom Deutschen Bauernverband und von der Politik. Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner sieht große Chancen darin, mit gentechnisch veränderten Sorten mehr Energie auf dem Acker zu gewinnen: "Mit dem Herzen stehe ich dafür, dass wir die Option Gentechnik brauchen. Wir akzeptieren ja Gentechnik im medizinischen Bereich, wenn es Nutzen für unsere Gesundheit bringt. Und ich bin mir sicher, dass zeitversetzt auch bei der grünen Gentechnik Nutzen für den Verbraucher, für die Bevölkerung herauskommt, besonders im Umweltbereich, aber auch im Non-Food-Bereich der nachwachsenden Rohstoffe", meinte er in einem Radio-Interview 2004.
Fachverband Biogas lehnt Sonnleitners Gentechnik-Ideen ab
Anfang des Jahres forderte Sonnleitner den Fachverband Biogas bei dessen Mitgliederversammlung in Hannover auf, die Option Gentechnik nicht völlig auszuschlagen. Gerade in der Rohstofferzeugung biete die Gentechnik große Möglichkeiten. Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben seien dabei interessante Ackerfrüchte. Aus der Sicht des Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes bietet die Gentechnik große Chancen, um mehr Energie auf dem Acker zu gewinnen.
Doch der Fachverband folgte dem nicht. Auf der gleichen Veranstaltung stellte das Präsidium fest: "Der Anbau von Pflanzen für Energiegewinnung in Biogasanlagen kann in keinster Weise von der Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft abgegrenzt werden". Aus fachlichen Gründen und aufgrund des eindeutigen Meinungsbildes bei den Mitgliedern rät das Präsidium des Fachverbandes Biogas seinen Mitgliedern dringend vom Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen ab.
Für die Auswirkungen ist der Anwendungszweck egal
Eine richtige Entscheidung, denn eines muss klar sein: Ob Gentech-Pflanzen als Lebens- oder Futtermittel oder als nachwachsender Rohstoff auf den Acker kommen, spielt in Bezug auf ihre Umweltauswirkungen und ihre "Koexistenzfähigkeit" keine Rolle. Transgene Energie-, Industrie- und Pharmapflanzen sind mindestens genauso problematisch für die Umwelt wie zu Nahrungszwecken angebaute Gentech-Saaten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Vermischungen mit Produkten aus konventioneller und biologischer Landwirtschaft kommt, ist genauso groß.
Auch Klimawandel als Argument
Brandenburgs Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke (SPD) setzt trotzdem voll auf die Agro-Gentechnik: "Bei nachwachsenden Rohstoffen kommen wir ohne die grüne Gentechnik nicht weiter", sagte der Minister kürzlich bei der Vorstellung der neuen Biomasse-Strategie bis zum Jahr 2010. Bundesminister Seehofer äußerte sich in einer Wochenzeitschrift vorsichtiger: Nach seiner Auffassung ändere sich die Verbraucherakzeptanz vielleicht mit der nächsten Generation gentechnisch veränderter Pflanzen. Seehofer nannte dabei die energetische Nutzung von Biomasse, die Erzeugung von Wirkstoffen für Pharmazeutika sowie stressresistente Pflanzen, die trotz Wasserknappheit gedeihen. Bundeskanzlerin Merkel sprach sich zuletzt auf dem Bauerntag in Magdeburg offen für die Agro-Gentechnik in der Medizin und bei den nachwachsenden Rohstoffen aus.
Monokulturen ziehen Maiszünsler an
Folgendes Szenario ist für den Umweltverband BUND denkbar: "Landwirte, die Biogasanlagen in industriellem Maßstab und allein nach betriebswirtschaftlichen Erwägungen betreiben, werden ihre Rohstoffe aus großen Maismonokulturen ohne Fruchtfolge beziehen und zudem auf pfluglose Bodenbearbeitung setzen, um Arbeitskräfte und Treibstoff zu sparen - beste Bedingungen, um einen starken Befall mit dem wichtigsten Maisschädling, dem Maiszünsler, herbeizuführen. Und dort, wo der Maiszünsler die Produktion von Biomasse schmälert, könnte die gentechnische Lösung des Problems, der Anbau von insektengiftigem Bt-Mais, ins Spiel kommen."
Baumwolle zeigt, wohin fehlende Kennzeichnung führt
Wie eine fehlende Kennzeichnung zu einer scheinbaren Akzeptanz führen kann, zeigt das Beispiel Baumwolle: Fast zehn Millionen Hektar (28 Prozent) der im letzten Jahr weltweit auf 35 Millionen Hektar angebauten Baumwolle sind nach Angaben des internationalen Agro-Gentechnik-Verbandes ISAAA gentechnisch verändert - aber außer denjenigen, die Öko-Textilien tragen, weiß niemand, ob die eigenen T-Shirts nun aus Gentech-Baumwolle sind oder nicht.
Der Autor ist agrarpolitischer Sprecher des ökologischen Anbauverbandes Bioland, der Mitglied im DNR ist.
Weitere Informationen:
Bioland, Gerald Wehde, Fachstelle Agrarpolitik, Kaiserstr. 18, 55116 Mainz Tel. 06131 / 23979-20, -12, Fax -27
eMail: gerald.wehde@bioland.de
www.bioland.de
http://www.dnr.de/publikationen/drb/artikel.php?id=193
Agro-Gentechnik durch die Hintertür
Nachwachsende Rohstoffe sollen Genpflanzen hoffähig machen
Nachwachsende Rohstoffe genießen ein positives Image in der Bevölkerung. Für die Industrie könnten sie genau deshalb der Schlüssel zum großflächigen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen werden. Transparenz besteht nicht, denn gentechnisch veränderte Pflanzen zur Erzeugung von Energie und anderen Rohstoffen müssen nicht gekennzeichnet werden.
von Gerald Wehde, Bioland
Der Bauer als Ölscheich: Nachwachsende Rohstoffe gelten als die Zukunftsperspektive der Landwirtschaft schlechthin. Sie versprechen nicht nur ein lukratives Zusatzeinkommen, sondern ersetzen fossile Brennstoffe und verringern den Treibhauseffekt. Eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstituts Produkt+Markt bestätigt dies. So sehen 64 Prozent der Befragten erneuerbare Energien und Biokraftstoffe als "zukunftsweisenden Weg", um Deutschland vom Erdölimport unabhängiger zu machen. Nur 17 Prozent bewerteten dieses neue Standbein der Landwirtschaft kritisch. Im vergangenen Jahr wurden bereits auf etwa 1,4 Millionen Hektar Energiepflanzen angebaut, das entspricht rund elf Prozent der deutschen Ackerfläche. Davon entfielen 800.000 Hektar - also mehr als die Hälfte - auf Raps.
Papier aus Genkartoffeln
Angesichts dieser Euphorie steht zu befürchten, dass der boomende Anbau nachwachsender Rohstoffe zum Einfallstor für gentechnisch veränderte Pflanzen wird. Denn wenn transgene Sorten großflächig Einzug auf deutsche Äcker halten können, so das Kalkül der Gentechnik-Konzerne, dann vermutlich nicht als Lebens- oder Futtermittel, sondern viel eher als nachwachsende Rohstoffe. So propagieren Monsanto & Co. nicht nur gentechnisch veränderte Energiepflanzen, sondern auch Kartoffeln mit verändertem Stärkehaushalt für die Papierherstellung oder Holz mit reduziertem Ligningehalt für die Zellstoffproduktion. Und schließlich Pharmapflanzen, die Medikamente bilden. Alle sollen der Agro-Gentechnik zu dem verhelfen, was ihr bisher fehlt: zu Akzeptanz bei Landwirten und Verbrauchern.
Bauernverband und Politiker werben
Aus Sicht der Agro-Industrie sind die Voraussetzungen dafür vergleichsweise gut. Nachwachsende Rohstoffe sind nicht zum Verzehr bestimmt, Verbraucher kommen mit ihnen nicht direkt in Berührung und sie müssen nicht als "Gentech-Rohstoffe" gekennzeichnet werden. Unterstützt wird diese Strategie vom Deutschen Bauernverband und von der Politik. Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner sieht große Chancen darin, mit gentechnisch veränderten Sorten mehr Energie auf dem Acker zu gewinnen: "Mit dem Herzen stehe ich dafür, dass wir die Option Gentechnik brauchen. Wir akzeptieren ja Gentechnik im medizinischen Bereich, wenn es Nutzen für unsere Gesundheit bringt. Und ich bin mir sicher, dass zeitversetzt auch bei der grünen Gentechnik Nutzen für den Verbraucher, für die Bevölkerung herauskommt, besonders im Umweltbereich, aber auch im Non-Food-Bereich der nachwachsenden Rohstoffe", meinte er in einem Radio-Interview 2004.
Fachverband Biogas lehnt Sonnleitners Gentechnik-Ideen ab
Anfang des Jahres forderte Sonnleitner den Fachverband Biogas bei dessen Mitgliederversammlung in Hannover auf, die Option Gentechnik nicht völlig auszuschlagen. Gerade in der Rohstofferzeugung biete die Gentechnik große Möglichkeiten. Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben seien dabei interessante Ackerfrüchte. Aus der Sicht des Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes bietet die Gentechnik große Chancen, um mehr Energie auf dem Acker zu gewinnen.
Doch der Fachverband folgte dem nicht. Auf der gleichen Veranstaltung stellte das Präsidium fest: "Der Anbau von Pflanzen für Energiegewinnung in Biogasanlagen kann in keinster Weise von der Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft abgegrenzt werden". Aus fachlichen Gründen und aufgrund des eindeutigen Meinungsbildes bei den Mitgliedern rät das Präsidium des Fachverbandes Biogas seinen Mitgliedern dringend vom Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen ab.
Für die Auswirkungen ist der Anwendungszweck egal
Eine richtige Entscheidung, denn eines muss klar sein: Ob Gentech-Pflanzen als Lebens- oder Futtermittel oder als nachwachsender Rohstoff auf den Acker kommen, spielt in Bezug auf ihre Umweltauswirkungen und ihre "Koexistenzfähigkeit" keine Rolle. Transgene Energie-, Industrie- und Pharmapflanzen sind mindestens genauso problematisch für die Umwelt wie zu Nahrungszwecken angebaute Gentech-Saaten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Vermischungen mit Produkten aus konventioneller und biologischer Landwirtschaft kommt, ist genauso groß.
Auch Klimawandel als Argument
Brandenburgs Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke (SPD) setzt trotzdem voll auf die Agro-Gentechnik: "Bei nachwachsenden Rohstoffen kommen wir ohne die grüne Gentechnik nicht weiter", sagte der Minister kürzlich bei der Vorstellung der neuen Biomasse-Strategie bis zum Jahr 2010. Bundesminister Seehofer äußerte sich in einer Wochenzeitschrift vorsichtiger: Nach seiner Auffassung ändere sich die Verbraucherakzeptanz vielleicht mit der nächsten Generation gentechnisch veränderter Pflanzen. Seehofer nannte dabei die energetische Nutzung von Biomasse, die Erzeugung von Wirkstoffen für Pharmazeutika sowie stressresistente Pflanzen, die trotz Wasserknappheit gedeihen. Bundeskanzlerin Merkel sprach sich zuletzt auf dem Bauerntag in Magdeburg offen für die Agro-Gentechnik in der Medizin und bei den nachwachsenden Rohstoffen aus.
Monokulturen ziehen Maiszünsler an
Folgendes Szenario ist für den Umweltverband BUND denkbar: "Landwirte, die Biogasanlagen in industriellem Maßstab und allein nach betriebswirtschaftlichen Erwägungen betreiben, werden ihre Rohstoffe aus großen Maismonokulturen ohne Fruchtfolge beziehen und zudem auf pfluglose Bodenbearbeitung setzen, um Arbeitskräfte und Treibstoff zu sparen - beste Bedingungen, um einen starken Befall mit dem wichtigsten Maisschädling, dem Maiszünsler, herbeizuführen. Und dort, wo der Maiszünsler die Produktion von Biomasse schmälert, könnte die gentechnische Lösung des Problems, der Anbau von insektengiftigem Bt-Mais, ins Spiel kommen."
Baumwolle zeigt, wohin fehlende Kennzeichnung führt
Wie eine fehlende Kennzeichnung zu einer scheinbaren Akzeptanz führen kann, zeigt das Beispiel Baumwolle: Fast zehn Millionen Hektar (28 Prozent) der im letzten Jahr weltweit auf 35 Millionen Hektar angebauten Baumwolle sind nach Angaben des internationalen Agro-Gentechnik-Verbandes ISAAA gentechnisch verändert - aber außer denjenigen, die Öko-Textilien tragen, weiß niemand, ob die eigenen T-Shirts nun aus Gentech-Baumwolle sind oder nicht.
Der Autor ist agrarpolitischer Sprecher des ökologischen Anbauverbandes Bioland, der Mitglied im DNR ist.
Weitere Informationen:
Bioland, Gerald Wehde, Fachstelle Agrarpolitik, Kaiserstr. 18, 55116 Mainz Tel. 06131 / 23979-20, -12, Fax -27
eMail: gerald.wehde@bioland.de
www.bioland.de
http://www.dnr.de/publikationen/drb/artikel.php?id=193